März 2025

„Aufgeben ist keine Option“

„Aufgeben ist keine Option“

Matthias Maurer: Mein Berufswunsch war eher Düsenjägerpilot. Damals waren in meiner saarländischen Heimat, dem St. Wendeler Land, sehr viele Überschall-Jets am Himmel unterwegs. So ein schnelles Flugzeug selbst zu steuern und die Welt von oben zu bestaunen, das hat mich schon als Kind ungemein fasziniert. Aber als Astronaut zu den Sternen zu fliegen? Davon habe ich nicht mal zu träumen gewagt. Ich dachte immer, das ist nur Superhelden vorbehalten.

Für Weltraummissionen werden keine tollkühnen Testpiloten gesucht, sondern Wissenschaftler, die Spaß an der Technik haben und sich gut in ein internationales Team einfügen. Diesem Profil entsprach ich nach Ansicht der Weltraumbehörde ESA offensichtlich recht gut. Ich habe in vielen Ländern studiert, spreche sieben Sprachen und komme generell gut mit Menschen klar, selbst wenn sie aus unterschiedlichsten Kulturkreisen stammen. Hinzu kommt, dass ich nicht nur auf ein einziges Spezialgebiet fokussiert bin, sondern fachlich recht breit aufgestellt bin.

Aufgeben ist generell keine Option für mich. Wenn ich etwas beginne, dann versuche ich auch, es bis zum Ende durchzuziehen. Und wenn es hart auf hart kommt, beiße ich mich durch. Es sei denn, es besteht Gefahr für Leib und Leben. Dann ist es klug, im richtigen Moment innezuhalten und die Mission abzubrechen. Was die Survival Camps betrifft: Natürlich gab es Extremsituationen, in denen wir an unsere Limits geführt wurden – und darüber hinaus. Sinn und Zweck dieser Trainings ist ja, im Notfallmodus nicht panisch oder hilflos zu agieren, sondern sicher, selbstbewusst und souverän die Situation zu meistern.

Es ist immens wichtig, sich mental auf die verschiedenen Einsätze vorzubereiten. Insbesondere den Weltraumspaziergang habe ich im Vorfeld x-mal geübt, bin jeden Handgriff in Gedanken durchgegangen. Gerade in Extremsituationen kann es überlebenswichtig sein, gelassen zu bleiben und einen kühlen Kopf zu bewahren. Und wenn ich ein besonders schwieriges, scheinbar unüberwindliches Projekt vor der Brust habe, dann erstarre ich nicht vor Ehrfurcht, sondern fokussiere mich – wie beim Treppensteigen – auf die vielen kleinen Schritte, die mich letztendlich zum Ziel führen.

Zum Glück erwartet niemand von uns, dass wir eine Goldmedaille bei Olympia holen, aber eine stabile Fitness, Beweglichkeit und Kondition sollte ein Astronaut mitbringen. Ich selbst treibe nahezu täglich Sport, gehe schwimmen, laufen, Rad fahren oder schwitze im Fitnessstudio. Für unsere Weltraummissionen ist körperliche Fitness elementar, da sich aufgrund der Schwerelosigkeit im All unsere Muskeln schneller zurückbilden und die Knochen rasch brüchig werden. Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, treiben wir auch im Weltall Sport – Laufband, Fahrrad, Kraftsport –, mindestens zwei Stunden täglich.

Absolut. Ich ernähre mich bewusst, verzichte weitgehend auf Süßigkeiten, nehme stattdessen viele Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe zu mir. Alkohol habe ich auf ein Minimum reduziert und sorge für acht Stunden gesunden Schlaf, um mit Elan und guter Laune in den neuen Tag zu starten.

Angst nicht, aber Respekt vor der Situation. Ich bin kein Superheld, sondern ein ganz normaler Mensch, der gelernt hat, Risiken präzise einzuschätzen. Seit den Survival Camps ist mir jedoch bewusst, dass ich deutlich mehr leisten kann, als ich mir selbst je zugetraut hätte. Vieles ist einfach nur Kopfsache. Wenn du die inneren Barrieren, Blockaden und Bedenken zur Seite schiebst, kannst du über dich hinauswachsen. 

Nach acht Stunden Schlaf im fest verankerten Schlafsack verlassen wir gegen sechs Uhr morgens unsere Kojen. Nach Frühstück und Körperpflege trifft sich die Crew um 7.30 Uhr zur ersten Lagebesprechung mit den Bodenkontrollen der jeweiligen Weltraumbehörde. Jeder erhält einen festen Stundenplan, der Tag ist bis 19.30 Uhr komplett durchgetaktet. Zwischendrin gibt es eine Stunde Mittagspause und zwei Stunden Sport. Samstag ist unser gemeinsamer großer Putztag, die Sonntage sind frei.

Wir Astronauten werden zwar aus unterschiedlichen Nationen und Kulturkreisen zusammengewürfelt, sind aber als Wissenschaftler grundsätzlich aus dem gleichen Holz geschnitzt. Hinzu kommt, dass wir uns gemeinsam auf die Mission vorbereitet haben und uns daher bereits sehr gut kennen. Das schweißt natürlich zusammen. Nichtsdestotrotz kann es auf solch beengtem Raum auch mal zu Reibereien und Missverständnissen kommen. Um solche Konflikte zu lösen, haben wir vorab auf der Erde spezielle Verhaltensprogramme durchlaufen. Dabei ging es vor allem darum, sich auch mal selbst zu hinterfragen, anstatt gleich mit dem Finger auf sein Gegenüber zu zeigen. Klare, ehrliche, unmissverständliche Kommunikation ist das A und O. Daher haben wir regelmäßig zusammengesessen und ganz offen ausgesprochen, was uns an dem einen oder anderen Crew-Mitglied stört. Das war überaus erhellend und hat uns als Team vorangebracht. Tatsächlich hatten wir ein ausgesprochen freundschaftliches, fast familiäres Verhältnis zueinander entwickelt. Die NASA meinte im Nachhinein, wir wären mit Abstand die harmonischste und glücklichste Crew gewesen, die sie jemals auf der ISS erlebt hätte.

Freunde und Familie habe ich nur bedingt vermisst, da wir regelmäßigen Funk- und Videokontakt hatten. Was ich vermisst habe, das waren die vielen Selbstverständlichkeiten des irdischen Alltags. Zur Tür rausgehen, durch den Wald spazieren, Wind und Wetter zu spüren, die frische Luft zu atmen, frisches Obst oder Brot zu essen, im Restaurant die Speisekarte in die Hand zu nehmen und das zu bestellen, worauf man gerade Lust hat. All das weißt du erst zu schätzen, wenn es dir fehlt.

Ich bin mit Leib und Seele Saarländer – und natürlich schlägt mein Herz für meine Heimat. Ich liebe die französische Lebensart, das Miteinander, die offene, freundliche, hilfsbereite Art der Menschen im Saarland. Natürlich bin ich auch regelmäßig dort, um meine Familie und Freunde zu besuchen.

Absolut! Aus der Ferne erkennt man keine Staatsgrenzen, auf den ersten Blick sieht man nur diesen unglaublich faszinierenden, wunderschönen, blauen Planeten. Beim genaueren Hinsehen fallen jedoch die Narben und Wunden auf, die wir Menschen der Erde zufügen. Riesige Rauchsäulen über dem Amazonas, wo die Regenwälder niedergebrannt werden. Wüstengebiete, die sich durch die Klimakrise immer weiter ausbreiten. Mächtige Krater und zerstörte Landschaften, weil der Mensch nach Rohstoffen giert. Ich würde mir wünschen, dass unsere Spezies diesen Planeten nicht weiter zerstört und ausbeutet, sondern ihn als kostbaren, schützenswerten Schatz betrachtet.

Sehr bedrückend war der Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Wir sahen von oben die Bomben, Lichtblitze und Rauchsäulen, das Leid der Menschen ließ sich aus der Entfernung nur erahnen. Hinzu kamen gefährliche Situationen, als beispielsweise die Russen einen Satelliten in unmittelbarer Nähe abschossen und uns die vielen Tausend Trümmerteile um die Ohren flogen. Natürlich gab es auch wirklich schöne Momente wie unser gemeinsames Weihnachtsfest oder meine Geburtstagsfeier, bei der wir alle gemeinsam getanzt und viel gelacht haben.

Kinder, die einen Herzfehler haben, benötigen nicht nur medizinische, sondern auch mentale Unterstützung. Ich möchte den jungen Menschen vermitteln, dass man selbst mit einem vermeintlichen Handicap ungemein viel erreichen und Träume wahr machen kann. Diesen positiven Gedanken möchte ich verstärken. Und mit meinem Weltraumflug konnte ich konkret dazu beitragen. So erforschten wir auf unserer Mission neue Materialien mit keimfreien Oberflächen. Diese Technologie scheint tatsächlich geeignet, um daraus künftig Implantate für Kinderherzen herzustellen.